Kiezrekorder 2017

Kiezrekorder 2017

In einem zweiwöchigen Medienworkshop entwickeln junge erwachsene Geflüchtete einen Hörspaziergang durch Lichtenberg, den Kiez, in dem sie derzeit leben. Sie interviewen den Trainer des Fußballvereins um die Ecke, die Nachbarin mit dem Hund, die Blumenverkäuferin am S-Bahnhof und andere für sie interessante Menschen aus ihrer Nachbarschaft. Außerdem erzählen sie in Interviews von ihren eigenen Eindrücken der neuen Nachbarschaft. Aus Gesprächen und eigenen Beschreibungen entwickeln die Teilnehmenden kleine Hörreportagen, die sie zu einem Hörspaziergang durch ihren Kiez verknüpfen.

Die öffentliche Premiere findet am 20. Juli 2017 um 17 Uhr im Jugendclub Tube in Lichtenberg statt. 
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Das Projekt KIEZREKORDER wird unterstützt durch das Programm MeinLand - Zeit für Zukunft der Türkischen Gemeinde in Deutschland im Rahmen des Bundesprogramms Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung des Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Projekt wird umgesetzt von einem Bündnis aus den Berliner Einrichtungen Expedition Metropolis e.V., Knüpfwerk e.V. und SozDia Jugendhilfe, Bildung und Arbeit gGmbH/Regionalkoordination Arbeit mit Geflüchteten in Lichtenberg/Jugend- und Begegnungsstätte "Alte Schmiede". Das Bündnis ermöglicht jungen geflüchteten Erwachsenen, sich auf mediale und ästhetische Weise mit dem Ort auseinanderzusetzen, wo sie heute leben und plant auch für die nächsten Jahre weitere Projekte in Lichtenberg.

Konzept und Realisation: Julia Illmer und Massimo Maio

TAG 1
geschrieben von Massimo Maio 

Lichtenberg ist das kleine Moskau.
Lichtenberg ist schöner als Kreuzberg.
Lichtenberg ist der Stadtteil der menschenleeren Straßen.
 
Am ersten Tag erzählen wir in der Gruppe noch von unseren ganz eigenen Eindrücken in Lichtenberg. Alle Teilnehmer leben hier seit Monaten – doch kaum jemand kennt Nachbarn, die mehr über ihren Kiez erzählen könnten.
 
Wir sammeln gemeinsam erste Ideen für interessante Interviewpartner im Kiez, wie z.B. den Bademeister im Freibad, den Dönerverkäufer um die Ecke oder Passanten im Park. Zum Abschluss machen wir einen Hörspaziergang zur Frage: Wie klingt Lichtenberg eigentlich? Wir stellen fest: Motorräder und Vögel sind am lautesten - und ganz so wenige Menschen gibt es auf der Straße doch nicht.

TAG 2
Geschrieben von Julia Illmer

Heute erfahren wir, was ein gutes Interview ausmacht und lernen die Reportergeräte kennen. Dann geht es ans Fragen notieren: Was ist das erste woran Sie denken, wenn Sie Lichtenberg hören? Wo kann man hingehen, wenn man in Lichtenberg seine Ruhe haben will? Was halten Sie von den Ausländern in Lichtenberg? Dabei merken wir, dass wir viele Fragen haben. Unsere geplanten Interviews auf der Straße verlegen wir spontan nach Drinnen und befragen die Jugendlichen, die den Nachmittag in dem Jugendklub Tube verbringen, zu ihrem Bezirk.
Außerdem zeigt Mischo von der Tube uns noch den ehemaligen Fußgängertunnel unter dem Weißenseer Weg, der jetzt Teil der Tube ist.

TAG 3
geschrieben von Massimo Maio
 
Wie offen sind die Menschen in Lichtenberg? Das ist eine der Fragen, die uns als Gruppe interessieren - und die wir heute ganz praktisch erforscht haben. Wir haben uns im gesamten Kiez und nahgelegenen Park verteilt und haben Passanten angesprochen. Am Ende haben wir fast 20 Interviews und den Eindruck, dass die Menschen in Lichtenberg sehr gerne erzählen, wenn man sie fragt.
 
Im Anschluss haben wir uns über gezielte Interviewpartner Gedanken gemacht: Über welche Personen und welche Themen in Lichtenberg wollen wir mehr wissen? Wir haben gemeinsam recherchiert und gleich Termine vereinbart. Z.B. mit einer Gärtnerin, die den Park pflegt, mit der Verkäuferin im russischen Supermarkt und mit einem Philosophen. Wenn alles klappt, können wir uns einige Interviews schon morgen anhören.

TAG 4
Geschrieben von Julia Illmer

„Mit Ausländern will ich nichts zu tun haben“, sagt eine Lichtenbergerin Ali und Awin ins Mikrofon, die die Frau auf der Straße interviewt haben. Die beiden fragen nach und erfahren, dass die Frau bislang keine Ausländer kennengelernt hat.
Nachdem wir einige weitere Straßeninterviews gehört haben, entwickeln wir individuelle Fragen für die längeren Interviews, die in wenigen Tagen anstehen. Unter unseren Interviewpartnern sind eine Pfarrerin, eine Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft und ein Philosoph. Während unserer Pause im Park und am Nachmittag ziehen einige Teilnehmer nochmals los, um weitere Straßeninterviews zu führen – eine tolle Gelegenheit, endlich mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen – auch, wenn die Antworten nicht immer erfreulich sind.

TAG 5
von Massimo Maio
 
Unsere Interviewsammlung wird von Tag zu Tag größer: In den letzten Tagen hat die Gruppe u.a. einen Künstler, einen Politiker und eine Stadtbeamtin aus Lichtenberg interviewt. Wir hören in alle neuen Interviews rein und staunen, wie viel die Menschen über Lichtenberg wissen und wie gerne sie ihr Wissen teilen.
 
Nach der Pause herrscht Stille im Raum: Alle sitzen mit Kopfhörern an den Computern und hören sich ihre Interviews an. Welche Momente sind die spannendsten? Wie können wir sie zu kleinen Reportagen zusammenschneiden? Mit diesen Fragen werden wir uns auch in den nächsten Tagen noch viel beschäftigen.

TAG 6
Geschrieben von Julia Illmer

Auch heute beginnt unser Tag mit dem Hören, der neuen Interviews. Tufan hat von der Pfarrerin erfahren, wann die Kirche, in der sie arbeitet, gebaut wurde und warum sie in einem Park steht. Außerdem ist sie überrascht von Tufans Frage, ob es viele oder zu viele Muslime in Lichtenberg gibt.

Später klappen wir wieder die Laptops auf und schneiden unsere Interviews weiter. Gar nicht so leicht, sich zu entscheiden, welche kurzen Passagen aus den teilweise sehr langen Interviews die interessantesten sind.

TAG 7
geschrieben von Massimo Maio
 
Welche Orte in Lichtenberg passen zu unseren Interviews? Dieser Frage sind wir heute in einer kleinen Tour durch den Kiez nachgegangen. Das Interview über Ausländerfeindlichkeit passt gut zur großen Betonmauer, das Gespräch mit dem Künstler vielleicht vor das bunte Graffiti, und das Interview mit dem Philosophen auf den kleinen Trampelpfad zwischen den Plattenbauten. Damit haben wir den ersten Entwurf für unsere Audiowalk-Premiere.
 
Vorher haben wir noch die letzten Interviews fertig geschnitten. 22 kleine Hörreportagen sind es geworden, 22 Perspektiven auf das Leben in Lichtenberg. Alle entstanden in konzentrierter Kopfhöreratmosphäre. Morgen wird es aber noch mal laut: Da machen wir den Feinschnitt über die großen Lautsprecher im Tonstudio.

TAG 8
Geschrieben von Julia Illmer

Heute verlassen wir Lichtenberg und fahren nach Alt-Treptow ins Tonstudio. Gemeinsam mit unserem Tontechniker bearbeiten wir alle von uns produzierten Hörstücke so, dass sie optimal klingen. Außerdem nimmt jeder im Aufnahmeraum einen Satz auf und Ramla und Ali sprechen den Abspann samt komplizierter Wörder wie „Regionalkoordination“ und „Fennpfuhl“ ein.
Bei der Abschlussrunde wird deutlich, wie gut uns allen die gemeinsame Zeit gefallen hat – besonders, dass wir uns gegenseitig kennengelernt haben und mit Lichtenbergern ins Gespräch gekommen sind.

Premiere
Geschrieben von Julia Illmer

Aus dem Lautsprecher, den Wakil um den Hals trägt, tönen die Interviews der letzten Tage – und das mitten auf der Straße. Heute ist Premiere! Zusammen mit unseren Gästen machen wir einen kleinen Lichtenberg-Spaziergang und hören an ausgewählten Orten jeweils eines unserer Hörstücke. Das Interview mit der Pfarrerin läuft vor der Kirche, das mit der engstirnigen Frau vor der Betonmauer. Es wird applaudiert, gequatscht, gelacht und vor allem zugehört. Den Abend lassen wir gemeinsam in der Tube ausklingen und verabreden uns für ein Nachtreffen im August im Fennpfuhlpark.

 

Förderer und Kooperationen: